Bernhard Häussner

Scrum-Workshop mit Marshmallow-Challenge

06.11.2013, 13:32

Ich habe heute zum ersten Mal mit agilen Methoden gearbeitet!

Zugegeben, natürlich werden agile Methoden angewendet in den Unternehmen, in denen ich gearbeitet habe und arbeite. Denn sie haben sich inzwischen immer öfter in der Praxis bewährt. Jedoch habe ich bisher nie mit einem standardisierten Vorgehensmodell wie Scrum gearbeitet.

Ich hatte nun die Gelegenheit einen Scrum-Workshop bei einem zertifizieren Scrum-Master mitzuerleben, bei der Exkursion am Mittwoch, den 30. Oktober zu DATEV in Nürnberg, dem zweitgrößten in Deutschland entwickelnden Softwarehaus.

Was ich dabei über Scrum gelernt habe, und wie die Marshmallow-Challenge auch deinem Team spielend helfen kann, will ich hier notieren.

Agile Methode: Scrum

Agile Methoden basieren alle auf dem Manifesto for Agile Software Development, unter diesen ist Scrum eine der beliebtesten. Es kann nicht annähernd in einem Blogeintrag beschrieben werden. Als Einstig empfehle ich den Wikipedia-Artikel über Scrum zu lesen. Wer sich nicht eingehend mit Scrum beschäftigen will, aber dennoch den Rest des Textes verstehen will, findet hier eine ganz kurze Zusammenfassung, worum es geht:

Die Kommunikation mit dem Kunden läuft über den Product Owner (PO), der die Anforderungen User Stories im Product Backlog sammelt und diese gegenüber dem Entwicklungsteam kommuniziert. Im Entwicklungsteam hat der Scrum Master ein Auge darauf, dass die Methoden richtig durchgeführt werden, und steht mit konstruktiver Kritik zur Seite. Im Verlauf der wiederholten Sprints werden in 2 bis 4 Wochen jeweils funktionierende Produkte gebaut, die immer weitere User Stories implementieren.

Für jeden Sprint werden die User Stories in feinkörnige Tasks aufgespalten. Die Tasks werden am Taskboard als Kärtchen gesammelt (ähnlich Kanban) und dort von den Teammitgliedern während der Bearbeitung „reserviert“. Im 15-minütigen Daily Scrum werden zu Beginn jedes Arbeitstags Fortschritte kommuniziert und Hindernisse, sogenannte Impediments, angesprochen.

Das Taskboard kann komplett handschriftlich bzw. nicht-digital ausgeführt werden, um einerseits ausreichend Kommunikation zu gewährleisten, und andererseits, um die Task-Bearbeitung eine private Angelegenheit des Teams zu machen, welche nicht vom Management eingesehen wird.

Nach jedem Sprint wird festgestellt, ob die User Stories implementiert wurden und inwiefern das Verfahren für die Zukunft verbessert werden kann.

Die Grundzüge von Scrum wurden uns zunächst erklärt und dann von uns anhand eines kleinen Projekts in die Praxis umgesetzt:

Scrum-Marshmallow-Challenge

Die Marshmallow-Challenge wurde für Scrum angepasst. Die Materialien lassen sich für kleines Budget besorgen und werden zunächst an das Teams vergeben:

  • 20 Spaghetti-Halme
  • 2 Marshmallows
  • 1 Meter Paketschnur
  • 1 Meter Maler-Kreppklebeband
  • 1 Analoge Uhr

Jetzt tritt der PO vor die Teams und verkündet die User-Story für den ersten Sprint: Es soll ein möglichst hoher Turm errichtet werden, mit einem Marshmallow auf der Spitze. Der Turm darf nicht am Tisch/Boden verankert werden. Die Dauer des Sprints ist unbekannt.

Bereits nach dem ersten Sprint sollen die Teams ein funktionierendes Produkt präsentieren. Jedoch, nachdem die 5 Minuten abgelaufen sind, zeichnet sich ab: Viele Teams haben lange geplant und keinen Turm gebaut, oder nur einen sehr kleinen.

Für den zweiten Sprint schafft der PO ein Impediment: Es darf nur ein Marshmallow verwendet werden. Somit musste mein Team den Turm wieder komplett einreißen, denn wir haben einen Marshmallow zerteilt und als Mörtel verwendet. Andere Teams können ungehindert weiter arbeiten. Je nach Kreativität der Teilnehmer muss nun auch verboten werden, die Uhr in den Turm einzubauen.

Weil wir nun in der zweiten Phase die verfügbare Zeit schon besser einschätzen konnten, haben wir nun – mehr schlecht als recht – einen standfähigen, ca. 60 cm hohen Turm zusammengezimmert, sodass wir recht zuverlässig auf den dritten Sprint schauen konnten.

Dieser sollte jedoch noch ein überraschend herausforderndes Impediment bieten: Im dritten Sprint darf keiner mehr reden! Alles muss in völliger Stille erledigt werden. Zum Glück war unser Turm schon konzeptionell ausgereift, sodass wir uns auf die Stabilisierung konzentrieren konnten. Mit einigem Gestikulieren und vorläufigem Platzieren von Nudeln konnten die Ideen auch stumm kommuniziert und beraten werden.

Ein Arbeitsmaterial wurde von uns unterschätzt: Kaum jemand hatte während der Sprints auf die Uhr gesehen! Damit hätte vielleicht etwas besser geplant werden können.

Es dämmerte wohl schon den meisten Teams, dass der dritte auch der letzte Sprint sein könnte, die End-Ergebnisse konnten sich durchaus sehen lassen.

Ein Team hatte eine Marshmallow-Challenge-Erfahrene dabei, und konnte die Sprints sehr gut meistern: Bereits am Ende des ersten Sprints hatten sie einen vergleichsweise hohen Turm gebaut, während andere noch im zweidimensionalen planten. Ihr Turm hatte eine sehr stringente Form und hätte sicherlich gewonnen, wäre er nicht gerade zum Ende des letzten Sprints umgefallen. Vielleicht eine Allegorie des IT-Projekts mit erfahrenen Programmieren, welches am Ende an einer Kleinigkeit scheitert?

Unser Turm wurde zweiter und machte einen stabilen Eindruck. Er sah etwas chaotisch aus, was bestimmt daran lag, dass wir viele Ideen zugelassen und ausprobiert haben.

Das Gewinner-Team hatte einen Turm, der unserem erstaunlich ähnlich sah, jedoch sehr ordentlich aufgebaut war.

Und was hat das mit Scrum zu zun?

Da der praktische Teil des Workshops nur rund eine Stunde dauerte, konnte Scrum natürlich nicht vollständig durchgeführt werden. Die Artefakte wurden nur rudimentär Erstellt, und die Daily Scrums mit dem Taskboard entfallen ganz.

Doch trotz dieser Einschränkungen, konnten die Werte der agilen Software-Entwicklung in kurzer Zeit veranschaulicht werden.

Dass funktionierende Produkte viel gelten, wurde uns nach der ersten Runde klar, als unser Team nur einen instabilen, zusammengefallenen Turm vorweisen konnte. Obwohl es eine einfache Aufgabe und nur ein Spiel war, fanden wir unseren „Entwicklerstolz“ angekratzt, da wir unser Commitment nicht erfüllten.

Wie schwer stetige Zusammenarbeit mit dem Kunden und das Eingehen auf Veränderungen ist, wurde uns klar, nachdem wir unseren Turm wieder einreißen mussten, als wir nur noch ein Marshmallow zur Verfügung hatten, und somit das Folgen unseres ursprünglichen Plans unmöglich wurde.

Für die Bedeutung von Individuen und Interaktionen war der dritte, stumme Sprint eine prägende Erfahrung. Sogar ohne Sprache war die Abstimmung im Team noch wichtiger als das eigentliche Bauen.

Abseits von Scrum und Softwareentwicklung

Natürlich kann die Marshmallow-Challenge auch für beliebige Teams aus allen Branchen verwendet werden. Hier kam ich auf ähnliche Rückschlüsse wie Tom Wujec in seinem TED-Talk „Build a tower, build a team“:

In der Diskussion mit den Teamkollegen wird sehr schnell klar, wer welche Rolle einnimmt, ohne dass hierfür ein reales Projekt mit all den, bei der Analyse hinderlichen, Vertraulichkeiten und Machtverstrickungen beobachtet werden muss.

Auch wurde der vorher noch eher anonyme Konferenzraum während der Bastelei zu unserem Arbeitszimmer und es machte sich eine produktive und motivierte Stimmung breit.

Aus dem Vergleich der Turmhöhen mit verscheiden zusammengestellten Teams, lassen sich Rückschlüsse auf die Erfolgschancen bilden. Uns wurde von einer Reihe von Fällen berichtet:

  • Eine Gruppe von Business-School-Absolventen ging so erfolgsbesessen vor, dass ihr fertiger Turm deutlich niedriger war, als der von Kindergarten-Absolventen.
  • Im TED-Talk wird das Erfolgskonzept von Kindergartenkindern, die besser als der Durchschnitt agieren, im iterativen Vorgehen gefunden, immer mit dem Marshmallow an der Spitze: Wir werden also mit Scrum geboren!
  • Eine Gruppe mit mit ausschließlich CEOs wurde von einer mit einem als Leiter eingesetzten CEO übertroffen. Dabei denke ich an „Viele Köche verderben den Brei“.
  • Erwartungsgemäß baute eine Gruppe mit Ingenieuren den höchsten Turm.

Die Materialien können kostengünstig angeschafft werden. Vielen Büro-Menschen macht es auch Spaß, einmal einer Handwerklicheren Aufgabe nachzugehen. Die Tatsache, dass auch Kindergartenkinder hohe Türme zustande bringen, beweist wohl, dass hierbei keiner überfordert wird.

Somit kann ich jedem Team empfehlen, einmal selbst die Marshmallow-Challenge zu probieren!

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