Bernhard Häussner

Tags!?

31.01.2010, 12:31
Visualisierung von Tag-Beziehungen
Visualisierung von Tag-Beziehungen

Wann solle man Tags benutzen? Wann nicht? Warum überhaupt? Wie bereichern Tags meine Webseiten? All diese Fragen habe ich mir gestellt, als ich laß, dass Robert Hartl sich gegen Tags ausspricht und zwar zugunsten der „Einfachheit“. Ich hatte die Tags eigentlich immer für eine Bereicherung gehalten, nicht nur für reinen Web-2.0-Trend. Und warum?

Ich achte durchaus minimalistische Konzepte. Zu viele Funktionen sind verwirrend (feature creep). Aber Webdesign sollte wohl nicht möglichst minimalistisch sein, wie etwa about:blank, sondern eher möglichst minimalistisch aussehen. Das bedeutet Features werden vor dem flüchtigen Betrachter „versteckt“ und lenken nicht ab, wenn jedoch eine bestimmte Funktion gesucht wird, war sie die ganze Zeit dort zu erreichen, wo man sie erwartet hat. Kurze Suche (intuitiv) und kleine Ablenkung (übersichtlich) sind beide erstrebenswert. Da gilt es Kompromisse zu finden. Am einfachsten ist es Funktionsumfang, der nicht gefragt ist, zu entfernen. Aber sind Tags nutzlos?

Zunächst sollten wir uns axiomaisch auf eine sinvolle Definition des Begriffs „Tag“ einigen. Tags sind Schlagwörter, die Informationsstücken, wie Blogartikeln, zugeordnet werden, in einer N:M-Relation. In meinem Blogdesign verwende ich als „Übersetzung“ meist „Themen“. Heute ist mir aufgefallen, auch mashable.com nutzt „Topics“. Der Begriff des Themas weckt schon einige Assoziationen: Ein Thema ist etwas großes, umfassendes. Tags, die nur mit einer Minimalanzahl Informationsstückchen zu verbinden sind, sind irreführend; ebenso mehrere Tags (fast) das selbe Thema vertretend. Dann ist die Zuordnung zu schwammig, ein einheitlicher Überbegriff und bessere Differenzierung ist gefragt. Ihre volle Stärke entfalten Tags, wenn sich ihre Themengebiete nicht zu viel, aber auch nicht gar nicht überschneiden.

Robert Hartl benutzt in seinem Blog „Kategorien“, die ich mit dem Konzept der Tags beschreiben würde, denn der Begriff „Kategorien“ kann mit Ausschließlichkeit konnotiert werden und ein Eintrag ist nicht nur einer Kategorie zugeordnet. Nur finden sich diese Kategorien als hierarchische Gliederungspunkte in der Navigation. Außerdem ist die Anzahl der Kategorien klein. Sogar die Kategorien eines Eintrags werden in der Art eines Breadcrumbs angezeigt. Durch all diese Design-Signale erscheinen uns die Kategorien wie paarweise disjunkte Mengen, haben aber bei näherem Betrachten große Überschneidungen, die bei Kategorien unerwartet sind, hier liegt die Domäne der Tags. Tags sind nicht als Kategorie, etwa in Navigationsmenüs zu missbrauchen, auch nicht konzeptionell.

Die konventionelle Darstellung des Konzepts „Tag“ ist die Tagcloud, in der die Tags, meist alphabetisch angeordnet, je größer Dargestellt werden, desto mehr Einträge mit ihnen verknüpft sind. Diese Darstellung gibt dem Leser eine Übersicht, zu welchen Themen die meisten Informationen verfügbar sind. Gerade bei Informationsquellen mit sehr diversen Themen, wie einer privaten Website, kann der Leser allein an der Label-Identität selten erkennen, woran er ist. Durch eine alphabetische Sortierung wird ein gezielter Suchvorgang nach genau einem Interessengebiet erleichtert.

Mashable.com: Tagcoud mit Topics dezent im Foooter platziert

Mashable.com: Tagcoud mit Topics dezent im Foooter platziert

Um die „Einfachheit“ beizubehalten, zeige ich in meiner Sidebar nur ein paar wenige, wichtige Tags an, denn zu diesen umfangreichen Themen ist beim Stöbern, also dem erkundenden Surfen, mit hoher Wahrscheinlichkeit „für jeden etwas dabei“. Nahe findet sich der Link zur ausführlichen Tagcloud mit vollem Umfang auf einer eigenen Seite, denn es sammeln sich doch einige Tags an, obwohl ich versuche die Zahl der Tags klein zu halten, nicht nur aus ideologischer „Einfachheit“, sondern um die oben genannten Forderungen der klaren Differenzierung und Singularität zu erfüllen.

Dabei bekomme ich leider einen Nachteil der Tags zu spüren: den erheblichen Pflegeaufwand. Aufgrund ihrer Größe (zweidimensionale Fläche zurzeit 5696) und rekursiven Ähnlichkeitsberechnungen sind die Tagbeziehungen schwierig zu analysieren (ich helfe mit mir einer 3D-Tagcloud mit Processing) und darum auch schwierig herzustellen, ohne dabei zu viel Redundanz zu schaffen. Mit wachsender Anzahl wird die Gefahr einer Vernachlässigung seltener und alter Tags immer größer. Da jedoch auch die Anzahl analysierbarer Verbindungen steigt, kann der Computer immer besser helfen. Implementiert habe ich mir eine Funktion die, nachdem ich einige Tags zu dem Eintrag gewählt habe, über andere Einträge verknüpfte Tags vorschlägt. Noch raffinierter wäre es, Tags von Einträgen vorzuschlagen, die nach N-Gramm-Analyse einen hohen Dice-Koeffizient aufweisen. Selbst dann ist das Anlegen neuer Tags noch nicht einfach.

Glücklicherweise wächst mit mehr Pflege auch der Informationsgehalt der Tags. Ich habe stundenlang das selbstorganisierende 3D-Clustering meiner Tags angesehen, durch die Zufallsstartpositionen ergibt sich jedes Mal eine neue Anordnung, immer entdeckte ich erstaunliche Systematik in der Anordnung. Der Computer scheint (gewisse Aspekte) meines eigenen Werks besser zu kennen als ich selbst.

Wie selbstverständlich argumentiert Robert Hartl mit der möglichen Überforderung neuer User mit der (für das schnelllebige Internet schon traditionellen) Tagcloud. Dies scheint mir jedoch schon sehr bald nicht mehr zeitgemäß. Die junge Internet-Generation erweist sich Konzeptverständig und Medienkompetent. Das Argument erübrigt sich also schon bald aus sozialen und biologischen Gründen. Polemisch formuliert: Die Zielgruppe der Internetseiten sind Internetnutzer, also warum auf Offliner Rücksicht nehmen? Ich frage mich, ob man bei der Einführung der allgemeinen Schulpflicht begonnen hat, beim Schreiben auf Analphabeten-Verständlichkeit zu achten. Um wieder auf die sachliche Ebene zurückzukehren: Erfahrene User wollen auch ihre „Power-Tools“, finden diese aber bei geschickter Gestaltung auch wenn die Zusatzfunktionen die unbeholfenen Benutzer nicht verschrecken.

Bei Tag-Kombinationen mit boolescher Algebra wird es schon eher kompliziert. Dass auch das übersichtlich machbar ist, beweist einer der Vorreiter in Sachen Social-Tagging, delicious:

Vergessen darf man auch nicht, dass das Konzept des Taggings eigentlich nicht neu ist: In Bibliotheken (Ja, mit Büchern und so) werden die Medien im Katalog mit Schlagwörtern versehen, sodass der Benutzer Literatur zu einem bestimmten Thema finden kann. Keine Bibliothek verzichtet deshalb auf Kategorien wie Fachbereiche, aber diese sind eben ausreichend groß und klar gewählt, so dass sich (meistens) keine Konflikte ergeben. Zusätzlich braucht man jedoch eine weitere Organisationsmöglichkeit im Kleinen. Weil sich hier die Bereiche überschneiden wählt man Schlagworte, die sich nicht gegenseitig ausschließen.

Die Nische in der die Tags einzusetzen sind ist also die filigrane Themenzuordnung. Und die Internet-Form der Schlagwörter „Tags“ mit Erscheinungsbild „Tagcloud“ wird vielleicht bald ein unumstrittenes Werkzeug dazu sein.

Kurze URL http://1-co.de/b/1e. Post to twitter

Kommentare

keine





 
Χρόνογραφ
© 2008-2017 by Bernhard Häussner - Impressum - Login
Kurz-Link zu dieser Seite: http://1-co.de/b/1e